Gemeinsam für den Erhalt des Pflasters – Viertelbewohner schließen sich im Kampf gegen Asphalt zusammen

 

„Erst die Hollerstraße und dann…?“ Anwohnerinnen und Anwohner von Viertelpflasterstraßen haben sich über ein gemeinsames Vorgehen verständigt.

„Wir haben eine Reihe von Ideen entwickelt, sind aber davon überzeugt, dass die Hollerstraße alleine kämpfend es nicht schaffen wird“, sagt Klaus Schloesser, einer der Sprecher der Anwohner. Bau- und Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) sei Sachargumenten offenbar nicht zugänglich, „daher müssen wir schon jetzt sehen, wo wir Bündnispartner herbekommen“. Das Argument, dass Pflaster teurer sei als Asphalt, will er so nicht gelten lassen: „Pflaster ist zwar teurer, hält dafür aber auch länger“ sagt Klaus Schloesser.

In dem Punkt widerspricht ihm der Grünen-Stadtteilpolitiker Rainer Stadtwald, der im Übrigen auch gegen Asphalt ist: „Es wird immer behauptet, dass Großpflaster teurer sei, das ist es aber nicht. Wenn man Kanal und Straße getrennt ausschreibt, ergibt sich eine Kostengleichheit.“ Viele der Steine könnten außerdem wiederverwendet werden. Zwar gingen bei Kanalarbeiten 20 bis 30 Prozent der Steine kaputt, wenn die Straße aufgemacht werde. Dieser Verlust könne im Falle der Hollerstraße aber durch eine Verbreiterung des Fußwegs kompensiert werden. Er habe Angebote von Pflasterfirmen für 35 bis 38 Euro pro Quadratmeter für Einbau und Unterbau eingeholt, sagte Stadtwald. Die Kosten für Asphalt lägen bei 30 bis 40 Euro.

„Die Kostenfrage wird strapaziert, um uns klein zu halten.“ Klaus Schloesser aus der Hollerstraße

Für Klaus Schloesser ist klar: „Die Kostenfrage wird strapaziert, um uns klein zu halten. ,Gleiche Standards für alle‘, sagt Bausenator Lohse, also den niedrigsten Standard. Doch dann könnten wir in Zukunft ja auch nur noch Plattenbauten bauen.“ Der Senator habe auch argumentiert, dass die Straßen asphaltiert werden müssten, weil die Fußwege immer zugeparkt seien und Rollatorfahrer gezwungen würden, auf die Fahrbahn auszuweichen. „Wir haben einen Bausenator, der ein leidenschaftlicher Radfahrer ist.“ Und der habe sich vom Pflasterkataster verabschiedet, in dem von Pflaster geprägte Straßen verzeichnet sind. Gleichzeitig seien andere Investitionen geplant: „Die Fahrradbrücke über die Weser für zehn Millionen Euro!“

Wenn es darum geht, für eine straßenübergreifende Initiative zu werben, müssten Radfahrer und Nutzer von Rollatoren einbezogen und alle miteinander versöhnt werden, betont Klaus Schloesser, der vor einem Präzedenzfall warnt: Falls das Pflaster in der Hollerstraße nicht erhalten bleibe, drohe die Asphaltierung des gesamten Viertels. Zumindest für die Hollerstraße seien diese Arbeiten von Oktober diesen Jahres auf März 2018 verschoben worden. „Im Augenblick hat der bürokratische Weg eine Denkpause.“

Zeit, die die Initiative nutzen will, angefangen mit einer Unterschriftenaktion für das ganze Viertel. Um ihre Solidarität zu zeigen, sollen Sympathisanten gelbe Zettel mit der Aufschrift „Pflaster erhalten!“ an ihre Fensterscheiben heften. Matthias Lange von der Bürgerinitiative Stadtbild-Bremen: „Danach könnte man Bausenator Lohse mit einer kleinen Delegation besuchen, um zu zeigen, dass er es nicht nur mit ein paar Leuten zu tun hat.“

 

Trotz des Anwohnerprotestes ist die Ritterstraße nach der Kanalsanierung asphaltiert worden.

 

Die Ritterstraße war kein Präzedenzfall, weil sie nicht im Pflasterkataster stand. Die Asphaltgegner sehen sie trotzdem als Beispiel dafür, dass das einhellige Votum der Anwohner von der Politik ignoriert wird. Die Ritterstraße sei nach alleiniger Entscheidung des Bausenators  asphaltiert worden, hatte Robin Quaas auf dem Straßenflohmarkt gesagt. An Eigenleistung wäre es nicht gescheitert: „Wir waren an dem Punkt, zu sagen ,Wir pflastern das für euch‘, und haben eine Kostenbeteiligung angeboten“, sagt der Ritterstraßenanwohner, „und wir hätten der Ritterstraße den Fahrradstreifen geschenkt, das hätte 8000 Euro gekostet.“ Auch hätten die Anwohner angeboten, dass überflüssige Stichleitungen nicht mehr erneuert werden müssten. „Doch wir waren nie in einer Verhandlungssituation.“ Stattdessen habe die Stadt die Steine der Baufirma überlassen, die diese dann verkauft habe: „Diese Werte haben Bremer vor vielen Jahren bezahlt, und die werden jetzt einfach entsorgt.“

Für Robin Quaas und die Initiative der Ritterstraße hätte eine vertretbare Lösung zur Straßengestaltung so ausgesehen, dass in die gepflasterte Fahrbahn eine Fahrradspur aus glatt gesägten Pflastersteinen eingebettet gewesen wäre und es einige kinderwagen- und rollatorfreundliche Möglichkeiten gegeben hätte, die Fahrbahn zu überqueren. Und mit Blick auf die Hollerstraße fragt er: „Was haben wir denn in der Hollerstraße für einen Fahrradverkehr? Wenn, dann deshalb, weil sich jemand verirrt hat.“

Der Fotograf Phil Porter, der auch in der Hollerstraße wohnt, bangt um die Atmosphäre: „Die Leute lieben das Viertel doch wegen seines mediterranen Flairs, das ist doch auch touristisch von Interesse. Man braucht nicht in den Süden fahren, es reicht das ,Rom des Nordens‘!“ Robin Quaas sieht das genauso: „Das Viertel ist ein Stadtteil, wo viel flaniert wird, und der auch von seiner Schrulligkeit lebt. Wir wollen die Vielfalt behalten und möchten, dass das Viertel seinen einzigartigen Charme bewahrt.“

„Das ist eine politische Entscheidung, und damit haben wir zu kämpfen.“ Robin Quaas aus der Ritterstraße

Auf jeden Fall möchte Klaus Schloesser die Anwohnerinnen und Anwohner Nachbarstraßen in den Prozess einbeziehen: „Wir müssen es irgendwie hinbekommen, dass die Straßen, die in drei bis fünf Jahren dran sind, sensibilisiert werden. Das ist die Hoffnung, die uns antreibt.“ Die Vernetzung hat schon begonnen. Die Initiative der Ritterstraße steht nicht nur mit der Hollerstraße in Verbindung, sondern auch mit den Initiativen des Sielpfades, des Borcherswegs, der Reederstraße und der Heidelberger Straße. „Uns schmeckt das nicht, wie das hier läuft, dass das alles überhaupt nicht zählt und unsere ganzen Argumente ausgehebelt werden“, sagt Robin Quaas. „Das ist eine politische Entscheidung, und damit haben wir zu kämpfen. Da wir das alle ehrenamtlich machen, sind wir gegenüber den Hauptamtlichen ganz schön gefordert.“

Ein kleines Stück Widerstand ist jedoch auch in die asphaltierte Ritterstraße eingebaut: Zwei der alten Pflastersteine liegen, mit einem Kreuz markiert, in einer Parkbucht. Als Denkmal, sagt Robin Quaas, der nicht entmutigt ist. Für ihn steht fest: „Es gibt viele Ansatzpunkte, man muss sie nur nutzen.“ Ohne Bürgerbeteiligung gebe es das ganze Viertel schon lange nicht mehr, fügt eine weitere Anwohnerin in Anspielung auf die gescheiterte Mozarttrasse hinzu. „Wir haben noch nichts gewonnen“, dämpft Klaus Schloesser zu hohe Erwartungen, nur um gleich nachzuschieben: „Wir haben aber auch noch nicht verloren.“

Näheres auf www.stadtbild-bremen.de .

 

 


Beitrag von Matthias Holthaus, erschienen am Donnerstag,  29.06.2017 auf Seite 1 der Stadtteilbeilage des Weser-Kurier. Alle Fotos: Walter Gerbracht

Gemeinsam für den Erhalt des Pflasters

Viertelbewohner schließen sich im Kampf gegen Asphalt zusammen

 

Ergänzend dazu ein Kommentar von Monika Felsing:

Von Tenever lernen

 

 


 

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