Deutschlands ältester Radweg ist im Steintor

Die Schriftstellerin und Historikerin Ricarda Huch war eine begeisterte Radfahrerin – und zwar in Bremen, wo sie Ende des 19. Jahrhunderts einige Monate lang lebte. In der Stadt war das Radfahren besonders komfortabel. Denn hier begann die Geschichte der Radwege in Deutschland.

Der älteste Radweg Deutschlands, die Linienstraße in Bremen [Quelle: Radio Bremen, Franziska Rattei]

Der älteste Radweg Deutschlands: der glatte Streifen in der Mitte der Linienstraße in Bremen

 

Mitten in dem Bremer Stadtteil, der einfach nur „Viertel“ heißt, verläuft der älteste Radweg Deutschlands – in der Linienstraße. „Es sieht etwas unscheinbar aus“, sagt Florian Nikolaus Reiß, Kulturhistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museumsdorf Cloppenburg.

„Das ist das Originalstraßenpflaster. Und in der Mitte des Pflasters ist ein etwa einen halben Meter breiter Streifen mit einem anderen Stein gepflastert. Dieser andere Stein glänzt so ein bisschen metallisch. Das ist Schlackenstein, und das wurde angelegt, um den Radfahrern eine leichtere Möglichkeit zu geben, in dieser Straße zu fahren.“

Und wie bestellt fährt einer vorbei. Nutzt die glatteren Pflastersteine in der Mitte der Straße und vermeidet so die holprigeren Pflastersteine drumherum. Und hat vermutlich keine Ahnung, dass diese Pflastersteine mehr als 100 Jahre alt sind. Das weiß nämlich kaum jemand; nicht mal die Menschen, die in der Linienstraße wohnen: „Das ist Deutschlands ältester Radweg! – Echt?“

Vom Sportgerät zum Transportmittel

Die allerersten Radwege gab es schon in den 1880er Jahren, sagt der Kulturhistoriker Florian Reiß, in Dänemark und den Niederlanden, aber auch in Deutschland. Strecken in Parkanlagen, die man sperrte und mit Schildern versah: „Für Radfahrer“. Aber in der Linienstraße begann kurz vor der Jahrhundertwende etwas Neues: Innerstädtische Straßen wurden für Radfahrer bequemer gemacht. Denn das Rad entwickelte sich um 1900 herum von einem außergewöhnlichen – und gefährlichen – Sportgerät zu einem Alltags-Transportmittel.

Normalerweise, sagt der Historiker Reiß, haben die Bremer sich gern an bereits bekannten Lösungen in anderen Städten oder Ländern orientiert. Bei den Radwegen allerdings war das nicht möglich. Es gab kaum Vorbilder. Also probierte man verschiedene Lösungen aus – Fahrradweg-Versuchsstrecken.

„In der Bismarckstraße hat man seitlich, an den Seitenstreifen, das Straßenpflaster verändert und glatteres Straßenpflaster hingelegt. Am Osterdeich hat man in der Mitte der Straße zwei Streifen angelegt, jeweils einen halben Meter breit. Und in der Hollerallee hat man einfach einen Reitweg zum Radweg umfunktioniert.“

So erfolgreich wie die schmale Mittelstreifen-Variante in der Linienstraße war keine. Die seitlichen Radstreifen wurden zu oft von Kutschen zugeparkt, die breiten Mittelstreifen von Fuhrwerken mitbenutzt und dadurch beschädigt. Dass ausgerechnet die Bremer den Radweg erfunden haben, wundert den Historiker übrigens nicht besonders. Die jungen Kaufleute von damals waren risikofreudig und dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen. Und sie hatten Geld und politischen Einfluss. In konservativeren Städten bewegten sich die Menschen noch länger auf Pferden und in Kutschen.

Eines hat sich übrigens nicht geändert: Damals wie heute ärgern sich Fußgänger über Radfahrer und umgekehrt. Dazu passt ein Zitat von Ricarda Huch, der leidenschaftlichen Radfahrerin:

„Ich glaube, wenn alle Deutschen Rad führen, würden sie ihre dumpfe Sinnlichkeit verlieren und schöner und glücklicher werden.“


Erschienen am 14. Juni 2016 um 14:40 auf Radio Bremen Nordwestradio

Schauplatz Nordwest

Deutschlands ältester Radweg

  • Autor/-in: Franziska Rattei
  • Länge: 3:27 Minuten
  • Datum: Dienstag, 14. Juni 2016
  • Sendereihe: Nordwestradio

 


 

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